AuK/Motivation SS12

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<language>Scheme</language>
== Gibt es etwas Besseres als ...? ==

''Algorithmen'' sind die leistungsfähigsten Problemlösungswerkzeuge, die wir kennen. Da Computer Algorithmen viel schneller und wesentlich zuverlässiger ausführen können als wir Menschen, findet man sie als ''Programme'' in zahlreichen Geräte, wie in Taschenrechnern, Laptops, elektrischen Haushaltgeräten und Autos.

Im Hinblick auf die ''Berechnungsgeschwindigkeit'' und den Speicherbedarf gibt es Unterschiede zwischen den Programmen. Hat man die Wahlmöglichkeit, so wird man sich für die Verwendung des Algorithmus' entscheiden, der das gewünschte Ergebnis schneller ermittelt als alle anderen, die es zur Lösung des betrachteten Problems gibt.

Der dadurch insgesamt erzielte Effekt kann beachtlich sein. Dies gilt insbesondere dann, wenn eine zeitsparendere Berechnung in anderen Kontexten wiederholt ausgeführt wird. Wie wir später sehen werden, geht es dabei mitunter nicht um ein paar Millisekunden, sondern um Tage, Monate oder sogar um Zeitabschnitte, die die Existenz unseres Sonnensystems übertreffen. Im letzten Fall werden Berechnungen durch bessere Algorithmen überhaupt erst möglich, falls man solche findet.

Im folgenden Kapitel betrachten wir Algorithmen zur ''Multiplikation zweier natürlicher Zahlen''. Hierfür haben wir in der Schule ein schriftliches Verfahren kennengelernt. Es ist eher von kulturhistorischem Wert, denn man benutzt es praktisch nicht mehr. Taschenrechner erledigen das viel schneller. Fraglich ist allerdings, ob sie auch diese ''Schulbuchmethode'' verwenden. Oder geht es noch schneller? Letzteres wäre insofern interessant, als das Multiplikationen in beliebiger Anwendungssoftware millionenfach vorkommen. Schon kleine ''Effizienzverbesserungen'' hätten einen enormen Einfluss. 

== Algorithmen zur Multiplikation ==

=== Multiplikation großer Zahlen ===

In der Tat gibt eine ''bessere'' Methode zur Multiplikation zweier natürlicher Zahlen als die, die in der Schule gelehrt wird.

Doch was bedeutet "besser" und warum ist das wichtig?
:* Ein ''besserer'' Multiplikationsalgorithmus benötigt weniger Zeit als andere Verfahren mit gleichem Resultat.
:* Dadurch können alle Operationen, die zwei Zahlen großer Stelligkeit multiplizieren, viel schneller ausgeführt werden. Beispiele sind: Computeralgebrasysteme und Geometrieprogramme. 
:* Konsequenzen hat das auch für die Kryptografie.

Als erstes suchen wir eine Art ''Messmethode'', mit der wir die Berechnungsgeschwindigkeiten ermitteln und untereinander vergleichen können. 

=== Primitive Basisoperationen ===

Wir gehen davon aus, dass die folgenden beiden Elementaroperationen vorhanden sind und für die entsprechenden Eingaben stets mit ''konstantem Zeitaufwand'' ausgeführt werden.

# Addition dreier Ziffern (sog. Volladdierer) <br/>  Eingaben: x und y sowie der Übertrag c<br/> Resultat: zwei Ziffern, nämlich die Ergebnisziffer und der neue Übertrag 
# Multiplikation zweier Ziffern <br/> Eingaben: x und y <br/> Resultat: zwei Ziffern, nämlich die Ergebisziffer und der Übertrag

Für diese beiden Operationen wird im Folg. je eine Scheme-Prozedur <tt>prim-add</tt> und <tt>prim-mult</tt> definiert. In diesen Definitionen wird die Basis $B$ der Zahlendarstellung durch den Wert der Variablen <tt>basis</tt> festgelegt. Die Voreinstellung ist $B=10$. Für den Fall, dass ein anderes Stellenwertsystem verwendet werden soll, ist diese Angabe anzupassen.

<code id="4f2e6547da2f9">
(define anzahl-prim-op 0)

(define prim-add
  (let ((basis 10))  ; B = 10
    (lambda (x y c)
      (set! anzahl-prim-op (+ anzahl-prim-op 1))
      (let ((res (+ x y c)))
        (if (< res basis)
            (cons res 0)
            (cons (- res basis) 1))))))

(define prim-mult
  (let ((basis 10))  ; B = 10
    (lambda (x y)
      (set! anzahl-prim-op (+ anzahl-prim-op 1))
      (let ((res (* x y)))
        (cons (remainder res basis)(quotient res basis))))))
</code>

Die primitive Addition zweier Ziffern und eines Übertrags liefert ein Paar, dessen erstes Element die Einerstelle und das zweite den neuen Übertrag darstellt. Beispielsweise wird für $7+8+0=15$
das Paar <tt>(5 . 1)</tt> zurück gegeben.
<run id="4f2e6547da47c">(prim-add 7 8 0)</run>
<run id="4f2e6547da4d3">(prim-add 2 5 1)</run>
<run id="4f2e6547da53d">(prim-add 9 8 1)</run>

Ein weiteres Aufrufbeispiel gilt der Multiplikation: $9\cdot 8=72$
<run id="4f2ec22340228">(prim-mult 9 8)</run>

Da die beiden primitiven Operationen mit komplexeren Scheme-Sprachelementen definiert wurden, macht es keinen Sinn, zur Aufwandsanalyse darauf aufbauender Operationen eine Zeitmessung durchzuführen. Sinnvoll ist es, als Aufwandsmaß die ''Gesamtanzahl der Aufrufe primitiver Basisperationen'' heranzuziehen. Hierfür wird eine globale Variable <tt>anzahl-prim-op</tt> als Zähler bereitgestellt und mit 0 initialisiert.
<popup name="Hinweis"> Es ist zu beachten, dass <tt>anzahl-prim-op</tt> ''bei jedem'' Prozeduraufruf mit <tt>0</tt> initialisiert wird.</popup>


=== Addition und Multiplikation $n$-stelliger natürlicher Zahlen ===

<code id="4f32729c5ab7c" hidden>
(define add
  (lambda (a b)
    (letrec
        ((helper
          (lambda (a b c)
            (if (null? a) 
                (if (= c 0) '() (list c))
                (let ((res (prim-add (car a) (car b) c)))
                  (cons (car res) (helper (cdr a) (cdr b) (cdr res))))))))
      (reverse (helper (reverse a)(reverse b) 0)))))

(define mult1
  (lambda (a bj)  ; Liste, Ziffer
    (let ((res (map (lambda (ai) (prim-mult ai bj)) a)))
      (add
       (append '(0) (map car res))
       (append (map cdr res) '(0))))))

(define mult
  (lambda (a b)
    (let* ((lls (map (lambda (bj) (mult1 a bj)) b))
           (n (- (length lls) 1)))  ; Laenge der Faktoren = Anzahl der Summanden
      (letrec ((helfer 
                (lambda (lls k)
                  (if (null? lls)
                      '()
                      (cons (append (NullenListe (- n k)) (car lls) (NullenListe k)) 
                            (helfer (cdr lls) (- k 1))))))
               (hilfsadd
                (lambda (lls)
                  (if (null? (cdr lls))
                      (car lls)
                      (add (car lls) (hilfsadd (cdr lls)))))))
        (hilfsadd (helfer lls n))))))

; ---  Hilfsprozeduren ---

(define NullenListe
  (lambda (n)
    (map (lambda (str) (string->number (string str))) (string->list (make-string n #\0)))))

(define zahl->liste
  (lambda (zahl)
    (map (lambda (z) (string->number (string z))) (string->list (number->string zahl)))))
</code>

Die Stelligkeit $n$ einer natürlichen Zahl ist eine ''Eigenschaft'', die von deren ''Darstellung'' abhängt. Bereits in der Grundschule lernt man eine Methode zur Zahldarstellung durch die entsprechenden Ziffern in einem Stellenwert- oder ''Positionssystem'' mit einer gewählten Basis $B$. Typische Beispiele sind $B=10$ (Dezimalsystem), $B=2$ (Dualsystem) und $B=16$ (Hexadezimalsystem).

Die allgemeine Darstellung ist:
$$a_{n-1}a_{n-2}\ldots a_1 a_0 = \sum_{i=0}^{n-1} a_i \cdot B^i, \text{ mit } n\in\mathbb{N}, n>0, \text{ und } a_i\in\{0,1,\ldots,B-1\}$$

Für $B=2$ gilt $a_i\in\{0,1\}$.
Für $B=10$ gilt $a_i\in\{0,1,2,3,4,5,6,7,8,9\}$.
Für $B=16$ gilt $a_i\in\{0,1,2,3,4,5,6,7,8,9,A,B,C,D,E,F\}$.

Mit zwei Ziffern können alle Zahlen aus dem Intervall $[0,B^2-1]$ dargestellt werden, denn $(B-1)\cdot B^1+(B-1)\cdot B^0=(B+1)\cdot (B-1)= B^2-1$.

Wir führen nun die Addition und Multiplikation n-stelliger Zahlen auf diese primitiven Operationen zurück.

==== Addition zweier n-stelliger natürlicher Zahlen ====

Beispiel: n=7
 Typische Handrechnung      Ausführlich: mit Übertrag
       1827634  a                 1827634  a
       8294678  b                 8294678  b
      --------                   11111110  c   Übertrag
      10122312  s                --------  
                                 10122312  s

Jetzt ist klar, weshalb die primitive Addition für zwei Ziffern und eine Übertragsziffer ausgelegt wurde. Für die Addition $a_i+b_i+c_i=s_i$ ergibt sich ein Übertrag $c_{i+1}=1$, wenn $s_i\geq B$, ansonsten ist $c_{i+1}=0$. Nehmen wir die größtmöglichen Summanden $B-1$ und $B-1$, gilt $a_i+b_i-B=(B-1)+(B-1)-B=B-2$, was offensichtlich mit einer Ziffer aus $[0,B-1]$ darstellbar ist.

Die Operation <tt>add</tt> kann nun angewandt werden, um die obige simple Beispielrechnung auszuführen. Die Ziffern finden sich als Elemente einer Liste wieder:

<run id="4f327428d1a7b">(add '(1 8 2 7 6 3 4) '(8 2 9 4 6 7 8))</run>

Für die Addition zweier n-stelliger Zahlen werden n Elementaradditionen benötigt. Auch dies gilt für das Beispiel.

<run id="4f3e4b209a5ca">
(add '(1 8 2 7 6 3 4) '(8 2 9 4 6 7 8))
anzahl-prim-op
</run>

ÜA: Modifizieren Sie das Beispiel und evaluieren Sie die zugehörigen Additionen usw.

==== Multiplikation einer n-stelligen natürlichen Zahl mit einer einstelligen ====

Für die Multiplikation zweier n-stelliger natürlicher Zahlen benötigen wir einen Zwischenschritt, um die primitive Addition geeignet einzubeziehen. Wir betrachten zunächst die Multiplikation einer n-stelligen natürlichen Zahl mit einer einstelligen.

Beispiel: n=5

     25367 * 5
     ---------
     005505   links mit Null aufgefüllt, Primitivaddition zu ermöglichen
  +  121330   Übertrag, rechts mit Null aufgefüllt 
     ------
     126835   durch Elementaraddition gewonnen


Der Übertrag <math>c_{i+1}</math> kann hier größer ausfallen als bei der Addition. Offenbar gilt: <br/>
<math>z = a_i\cdot b_j \leq (B-1)^2 = B^2 - 2B +1 </math><br/>
<math>z = c_{i+1}\cdot B + d_i \leq (B-2)\cdot B + 1</math><br/>
Der Kooeffizientenvergleich liefert <math>c_{i+1}\leq B-2</math>, d.h. <math>0\leq c_{i+1}\leq B-2</math>. (Natürlich gilt <math>c_0=0</math>.)

Das obige Ergebnis für die Beispielrechnung erhalten wir auch mit der vorbereiteten Operation <tt>mult1</tt>. <tt>mult1</tt> nimmt eine Liste mit den Ziffern des ersten Faktors <math>a=a_{n-1}a_{n-2}\ldots a_1 a_0</math> und eine Ziffer <math>b_j</math> als zweiten Faktor und liefert das Produkt <math>a\cdot b_j</math>.   

<run id="4f327428d1b74">(mult1 '(2 5 3 6 7) 5)</run>

Auch hierfür können wir die Zahl der Elementaroperationen (<tt>prim-add</tt> und <tt>prim-mult</tt>) bestimmen:

<run id="4f3e7a288f64b">
(mult1 '(2 5 3 6 7) 5)
anzahl-prim-op
</run>

Wir rechnen nach:
* n Elementarmultiplikationen
* n+1 Elementaradditionen
Zusammen sind das 2n+1 primitive Basisoperationen, für <math>n=5</math> sind das gerade 11 Stück.

==== Multiplikation zweier n-stelliger natürlicher Zahlen ====

Nun folgt der Übergang zur ''vollen'' Multiplikation. Wir erinnern uns an die Schulbuchmethode zur schriftlichen Multiplikation. Aufgrund des Taschenrechnereinsatzes wird sie nur noch selten ausgeführt.

Beispiel: n=4

   8643 * 9915
   -----------
    77787000   = mult1(8643,9) und rechts mit Nullen aufgefüllt  
    07778700   = mult1(8643,9) und links/rechts mit Nullen aufgefüllt
    00086430   = mult1(8643,1) und links/rechts mit Nullen aufgefüllt
    00043215   = mult1(8643,5) und links mit Nullen aufgefüllt
    -------- 
    85695345   = add(add(add(77787000,07778700),00086430),00043215) = mult(8643,9915)

Wir rechnen nach:

<run id="4f327428d1bf3">(mult '(8 6 4 3) '(9 9 1 5))</run>

Natürlich interessieren wir uns für die Anzahl der primitiven Basisoperationen:

Die Multiplikation zweier n-stelliger natürlicher Zahlen nach der im Beispiel angewandten Methode führt zu n Summanden. Jeder Summand entsteht als Teilprodukt und erfordert - wie wir weiter oben gezeigt haben - 2n+1 Basisoperationen. Das ergibt für alle Summanden <math>n\cdot (2n+1) = 2n^2+n</math> Elementaroperationen.

Die n Summanden sind jeweils höchstens 2n-stellig, denn der erste Summand ist ohne Auffüllnullen höchstens n+1-stellig. (Im Beispiel ist das der Fall.) Dann folgen n-1 weitere Summanden und folglich ebenso viele Rechtsverrückungen um eine Stelle. Das ergibt zusammen: <math>n+1+n-1=2n</math>. Die Auffüllung mit Nullen ist notwendig, um die Summanden gleichstellig zu machen. 

Die n-1 Additionen je eines höchstens 2n-stelligen Summandens mit der jeweils aktuellen höchstens 2n-stelligen Zwischensumme erfordert <math>(n-1)\cdot 2n = 2n^2-2n</math> Elementaroperationen. 

Insgesamt bescheinigt diese Abschätzung der Schulbuch-Multiplikationsmethode für n-stellige Faktoren einen Aufwand von <math>2n^2+n + 2n^2-2n = 4n^2-n</math> primitiven Basisoperationen.

Für unser Beispiel ergibt sich:

<run id="4f3e839e46148">
(mult '(8 6 4 3) '(9 9 1 5))
anzahl-prim-op
</run>

Zur Analyse des Berechnungsaufwandes der betrachteten Multiplikationsmethode brauchen wir eine Prozedur <tt>zufallsliste</tt> zur Herstellung einer Liste mit $n$ zufällig gewählten Ziffern aus $[0;9]$. 

<code id="4f3e9816cf1cf" hidden>
(define zufallsliste
  (lambda (n)
    (if (= n 0)
        '()
        (cons (inexact->exact (floor (* (random) 10)))(zufallsliste (- n 1))))))
</code>

Der folgende Aufruf liefert eine Liste mit 30 Zufallsziffern.
<run id="4f3e9816cf747">(zufallsliste 30)</run>

In folgendem Code kann die Stelligkeit der beiden Zufallszahlen (repräsentiert durch eine $n$-stellige Zufallsliste) durch Veränderung des Wertes für <tt>n</tt> leicht modifiziert werden. Bei jedem Aufruf werden neue Zufallslisten gebildet.
<run id="4f3e9ea754f01">
(let ((n 10))   ; n hier ändern
  (display (mult (zufallsliste n) (zufallsliste n)))
  (newline)
  anzahl-prim-op)
</run>

Wiederholte Ausführungen bestätigen, dass der Multiplikationsaufwand zwar von der Stelligkeit $n$ jedoch nicht von den konkreten Faktoren abhängt. Die Anzahl der erforderlichen primitiven Operationen bleibt für ein festes $n$ stets unverändert. 

Schließlich wird der Aufwand mittels <tt>mult</tt> zur n-stelliger natürlicher Zahlen in Abhängigkeit von $n$ grafisch dargestellt. Zum Vergleich wird der Graph der Funktion $n\mapsto 4n^2-n$ hinzugefügt.

<code id="4f3fb5a479c08" hidden>
(define aufwand
  (lambda (n)
    (if (= n 0)
        (void)
        (begin
          (set! anzahl-prim-op 0)
          (mult (zufallsliste n) (zufallsliste n))
          (display n)(display " ")(display anzahl-prim-op)(newline)
          (aufwand (- n 10))))))
</code>

<run id="4f3f8598626ac">
(display "set title 'Multiplikation zweier n-stelliger Zahlen (Schulbuchmethode)'\n")
(display "set xlabel 'n'\n")
(display "set ylabel 'T(n)'\n")
(display "set data style lines\n")
(display "plot '-' using 1:2, 4*x**2-x\n") ; wichtig für inline Daten die Quelle "-" 
(aufwand 80)
</run>
<rendergnuplot></rendergnuplot>

Die Ergebnisse des Experiments stimmen mit den theoretischen Vorhersagen überein.

=== Rekursive Form der Multiplikation nach der Schulbuchmethode ===

Die beiden jeweils $n$-stelligen Faktoren $a$ und $b$, mit $a,b\in\mathbb{N}$, zerlegen wir in je zwei Teile. Für $a=123456$ sind das $123$ (höherwertiger Teil) und $456$ (niederwertiger Teil). Offensichtlich ist $k=\frac{n}{2}=\frac{6}{2}=3$ und somit $a=123\cdot 10^3+456=123456$. 

Allgemein gilt mit $k=\lfloor\frac{n}{2}\rfloor$:
$$\begin{eqnarray}
a &=& a_1 B^k + a_0 \\
b &=& b_1 B^k + b_0 \\ \hline \\
a\cdot b &=& a_1\cdot b_1B^{2k}+(a_1\cdot b_0+a_0\cdot b_1)B^k+a_0\cdot b_0
\end{eqnarray}$$ 

ÜA: Rechnen Sie den für $a\cdot b$ angegebenen Ausdruck nach.

Offensichtlich werden zur Berechnung von $a\cdot b$ nach der obigen Zerlegung 4 Multiplikationen $lceil\frac{n}{2}rceil$-stelliger und 3 Additionen höchstens $2n$-stelliger Zahlen benötigt. Dies gilt für (vorzugsweise gerade) $n\geq 2$. Falls $n=1$ reduziert sich der Aufwand auf die Ausführung einer Elementarmultiplikation mit Aufwand $1$. Die folgende sog. ''rekurrente'' Gleichung fasst dies zusammen:

$$T(n) =
  \begin{cases}
   1,  & \text{wenn } n = 1 \\
   4\cdot T\left(\left\lceil\frac{n}{2}\right\rceil\right)+3\cdot 2n,  & \text{wenn } n \geq 2
  \end{cases}$$

Genau genommen müsste wir eine Ungleichung angeben, denn der rechte Ausdruck beschränkt den Aufwand, also den Wert von $T(n)$ nach oben und stellt somit einen Maximalwert dar.

Da solche rekurrenten Beziehungen den Aufwand rekursiver Verfahren unmittelbar beschreiben und deshalb recht oft vorkommen, lohnt es sich über deren [[Hilfsmittel_Mathematik_2_SS10|Lösungsmethoden]] nachzudenken. Wir profitieren hier von diesen Methoden indem wir das folgenden Resultat zitieren. Es gilt:

$$T(n) =
  \begin{cases}
   7n^2,  & \text{wenn } n \text{ eine Zweierpotenz ist}\\
   28n^2, & \text{für alle anderen } n 
 \end{cases}$$

wobei wir es auch hier wieder mit dem Maximalaufwand zu tun haben.

'''Fazit''': Leider müssen wir feststellen, dass die rekursive Methode der Schulbuchmultiplikation gegenüber der ersten Variante keinen Effizienzvorteil bietet. Beide arbeiten mit ''quadratischem'' Aufwand.

=== Die Karatsuba-Methode ===

Dem sowjetische Mathematiker Karatsuba fiel 1962 auf, dass die Berechnung von $a\cdot b$ bei gleicher Zerlegung wie oben auch anders organisieren kann. Der von ihm angegebene Ausdruck
$$\begin{eqnarray}
a\cdot b &=& a_1\cdot b_1B^{2k}+((a_1+a_0)\cdot (b_1+b_0) - (a_1\cdot b_1+a_0\cdot b_0))B^k+a_0\cdot b_0
\end{eqnarray}$$ 
enthält 3 Multiplikationen $\frac{n}{2}$-stelliger und 6 Additionen (inkl. einer Subtraktion) höchstens $2n$-stelliger Zahlen. Das Besondere an diesem Term ist, dass einige Produkte, nämlich $a_1\cdot b_1$ und $a_0\cdot b_0$ mehrfach auftauchen. Sie müssen nur einmal berechnet werden. Auf diese Weise kann eine (teure) Multiplikation mit drei (billigeren) Additionen erkauft werden.

ÜA: Überprüfen Sie den für $a\cdot b$ angegebenen Ausdruck durch Rechnung.

Dies ergibt einen Aufwand, der sich durch folgende Rekurrenz beschreiben lässt:
$$T(n) =
  \begin{cases}
   3n^2+2n,  & \text{wenn } n \leq 3 \text{    (Schulbuchmethode)}\\
   3\cdot T\left(\left\lceil\frac{n}{2}\right\rceil\right)+1)+6\cdot 2n,  & \text{wenn } n \geq 4
  \end{cases}$$

Die Lösung dieser Gleichung ist
$$T(n) = 99 n^{\log_23} + 48n + 48 \log_2n\text{  für alle } n. $$

ÜA: Berechnen Sie $\log_23$ und vergleichen Sie das Ergebnis mit 2.

Insbesondere für große $n$ ist diese Methode von Vorteil. Um festzustellen, ab welchem Wert $n_0$ die Karatsuba-Multiplikation der Schulbuchmethode überlegen ist, stellen wir beide in einem Diagramm grafisch dar. 

<popup name="Hinweis zum Logarithmieren">
Es kann sein, dass das Rechenwerkzeug (Taschenrechner oder Computerprogramm) die gewünschte Logarithmusfunktion nicht anbietet. Dann hilft die folgende einfache Umrechnung: 
Gesucht ist $z=\log_2y$, also der Wert von $z$ in $2^z=y$. Vorhanden ist jedoch nur $\log_{b}x$ mit $b\neq 2$. Typische Angebote sind $b=e$ und $b=10$. Wenn wir $2^z=y$ auf beiden Seiten logarithmieren folgt $\log_{b}2^z=\log_{b}y$ und schließlich $z=\frac{\log_{b}y}{\log_{b}2}$. 
</popup>

<gnuplot>
set xrange [1:80]
set xlabel "n"
set ylabel "T(n)"
plot 4*x**2-x, 99*x**log(3)/log(2) + 48*x + 48*log(x)/log(2)
</gnuplot>

'''Fazit''': Ab $n_0=70$ ist die Karatsuba-Multiplikation zweier $n$-stelliger natürlicher Zahlen die effizientere Methode.